10. b) Rehabilitationsstrategien bei neuropsychologischen Folgestörungen nach onkologischer Therapie
Autor: M. Poppelreuter
Letzte Änderung:
15.10.2009
Neuropsychologische Folgestörungen, d.h. Beeinträchtigungen der geistig-mentalen Leistungsfähigkeit im Kontext onkologischer Erkrankung und Therapie, erfahren in den letzten Jahren zunehmende Beachtung. Insbesondere wurden eine ganze Reihe von Studien zu den Effekten der adjuvanten systemischen Therapie des Mammakarzinoms durchgeführt und erste Metaanalysen erstellt [Falleti MG 2005] [Stewart A 2006].
Aufgrund vielfältiger Unterschiede hinsichtlich der untersuchten Patientengruppen, sowie bei den Studiendesigns und den neuropsychologischen Untersuchungsverfahren sind die Studienergebnisse schwer vergleichbar. Übereinstimmend zeigten sich bei Vergleichen zwischen Tumorpatienten mit und ohne chemotherapeutische Behandlung Leistungsdefizite für die chemotherapeutisch behandelten Gruppen. Längsschnittliche Studien, die auch eine Erfassung des kognitiven Status vor Beginn der Chemotherapie umfassten, zeigten wiederholt, dass bereits zu diesem Zeitpunkt eine relevante Subgruppe der Patienten Hinweise auf kognitive Defizite bot. In Untersuchungen kurz nach Abschluss der Chemotherapie zeigten sich eher Verschlechterungen im neuropsychologischen Status, während das Bild im längerfristigen Verlauf insgesamt eine Erholungstendenz zeigte. Dabei fanden sich in den individuellen Verläufen aber große Variationsbreiten und wiederholt auch Hinweise auf die Möglichkeit längerfristig persistierender Defizite.
Insgesamt ist die Forschungslage zum gegenwärtigen Zeitpunkt zu unklar, um gesicherte Aussagen zur klinischen Relevanz des Problemfelds machen zu können. Wiederholt zeigten sich nur geringe Korrelationen zwischen den Ergebnissen formaler neuropsychologischer Testuntersuchungen und der Selbsteinschätzung der Patienten; insgesamt wird von Patientenseite die Bedeutung solcher Folgestörungen deutlich stärker wahrgenommen [Hurricane Voices 2007], von daher ist das Thema auch in der Rehabilitation und Nachsorge von Bedeutung. Aktuell erschienen generelle neuropsychologische Screenings und allgemeine Angebote in Richtung kognitiven Trainings nicht ausreichend begründet und wenig erfolgversprechend. Gezielte Information und Beratung zum Themenkreis und die Ermutigung zu einem aktiven Umgang mit eventuell bestehenden Problemen können allerdings für die Betroffenen extrem hilfreich sein.
Der Bedarf an weiterer Forschung in diesem Feld bezieht sich auf die Entwicklung pathogenetischer Modelle und die Identifikation relevanter Risikofaktoren für solche Folgestörungen, sowie auf eine differenzierte Analyse der Zusammenhänge zwischen kognitiven Defiziten und physischen und affektiven Faktoren. Nicht zuletzt gilt es, mit Blick auf die Gruppe langfristig betroffener Patienten effektive Rehabilitationskonzepte zu entwickeln. Zur Entwicklung von Qualitätsstandards für Forschung und empirische Praxis wurde 2006 die "International Cancer and Cognition Task Force" gegründet.
Literatur:
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Falleti MG, Sanfilippo A., Maruff P, Weih L, Phillips KA.
The nature and severity of cognitive impairment associated with adjuvant chemotherapy in women with breast cancer: a meta-analysis of the current literature.
Brain and Cognition 2005;59:60-70. DOI: 10.1016/j.bandc.2005.05.001. PMID:15975700
[Medline]
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Hurricane Voices.
Cognitive changes related to cancer treatment.
Published online 2007
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Stewart A, Bielajew C, Collins B, Parkinson M, Tomiak E.
A meta-analysis of the neuropsychological effects of adjuvant chemotherapy treatment in women treated for breast cancer.
The Clinical Neuropsychologist 2006;2:76-89. DOI: 10.1080 / 138540491005875
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Vardy J, Wefel, JS, Ahles T, Tannock IF, Schagen SB.
Cancer and cancer-therapy related cognitive dysfunction: an international perspective from the Venice cognitive workshop.
Annals of Oncology 2008;19:623-629. DOI: 10.1093/annonc/mdm500. PMID:17974553
[Medline]
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