10. a) Rehabilitationsstrategien bei tumorassoziierter Fatigue
Autor: M.E. Heim
Letzte Änderung:
15.10.2009
Müdigkeit und Erschöpfung nach Tumorerkrankung und Tumortherapie ist die von Patienten am häufigsten angegebene Beeinträchtigung des subjektiven Befindens.
Fatigue bei Krebskranken ist ein subjektives Gefühl unüblicher Müdigkeit, das sich auswirkt auf den Körper (physische Ebene), die Gefühle (affektive Ebene) und die geistigen Funktionen (mentale, kognitive Ebene), das mehrere Wochen andauert und sich durch Ruhe und Schlaf nur unvollständig oder gar nicht beheben lässt.
In der Regel kommt es innerhalb von drei Monaten zu einer Besserung des Befindens. Von einer chronischen Tumorfatigue spricht man, wenn auch noch Monate bis Jahre nach Abschluss der Therapie die Symptomatik anhält, hiervon sind bis zu 30% der Patienten bestimmter Tumorarten betroffen.
Differenzialdiagnostisch sind sowohl somatische Ursachen (z. B. Anämie, Endokrinopathie, sedierende Medikamente) als auch psychisch-neurologische Gründe (z. B. Depression, Myopathien) zu berücksichtigen.
Besonders wichtig ist die Abgrenzung zur Depression. Es hat sich alssinnvoll erwiesen, sowohl für das Screening als auch für die psychometrische Erfassung von Fatigue, differenzierte Erhebungsinstrumente einzusetzen. Nach den Vorschlägen des National Comprehensive Cancer Network hat sich ein Screeningaller Tumorpatienten auf Fatigue-Symptomatik mittels einer linearen Analogskala (LASA 0 bis 10) bewährt. Ab einem Belastungsgrad von 4 auf der LASA-Skala solltein jedem Fall eine differenzialdiagnostische Abklärung erfolgen.
Ursachen der tumorassoziierten Fatigue können Auswirkungen der Tumorkrankheit (metabolische Störungen, Paraneoplasien), der Tumortherapie oder von Begleiterkrankungen sein. Auch psychosoziale Faktoren, chronische Schmerzen oder Mangel an körperlichem Training können zu Fatigue führen.
Nach differenzialdiagnostischer Abklärung der Fatigue sollte, wenn immer möglich,eine kausale Behandlung erfolgen. Falls dies nicht möglich sein sollte, ist eine eingehende persönliche Beratung des Patienten und ggf. der Angehörigen über den ökonomischen Umgang mit der reduzierten Energie erforderlich. Die Fatigue-Behandlung ist multifaktoriell und beruht schwerpunktmäßig auf drei Ansätzen: psychoonkologische Maßnahmen, Sport- und Bewegungstherapie und medikamentöse Behandlung.
Die Behandlungen können im Rahmen einer stationären Rehabilitationsmaßnahme eingeleitet werden und durch weitere ambulante Therapien unterstützt werden. Bei Planung ihrer Aktivitäten sollten Patienten Prioritäten setzen, planen, delegieren, modifizieren und Aktivitäten in kleine Schritte aufteilen. Psychoonkologische Unterstützung in Form von Beratungsgesprächen, Gruppenangeboten, Entspannungstraining und Psychotherapie kann vielen Betroffenen helfen, Fatigue und deren Auswirkung auf das tägliche Leben besser zu verkraften.
Körperliche Aktivität und dosiertes körperliches Training, orientiert an der Leistungsfähigkeit und den Leistungsgrenzen der Patienten, kann sehr positiv auf die Fatigue-Symptomatik wirken. Hierzu liegen strukturierte Übungsprogramme vor (zum Beispiel "Fitness trotz Fatigue", Deutsche Fatigue-Gesellschaft, zu beziehen über info@deutsche-fatigue-gesellschaft.de).
Eine kausale Behandlung der Fatigue ist immer dann möglich, wenn eine Grunderkrankung diagnostiziert wird. Eine Anämie ist bei vielen Patienten für das Auftreten einer akuten oder chronischen Erschöpfung verantwortlich. Hier besteht die Möglichkeit, die Anämie durch Transfusion von Erythrozytenkonzentraten zu beheben. Bei Patienten unter Chemotherapie kann rekombinantes Erythropoetin eingesetzt werden. Hierbei sind die Leitlinien der Fachgesellschaften zu berücksichtigen. Andere medikamentöse Ansätze zur Behandlung der chronischen Fatigue wie die Psychostimulanzien Methylphenidat oder Modafinil werden derzeit in klinischen Studien geprüft. Für diese Indikation haben diese Substanzen derzeit noch keine Zulassung.
Die chronische tumorassoziierte Fatigue hat erhebliche sozialmedizinische Relevanz. Die subjektive und damit auch berufliche Leistungsfähigkeit kann nach kurativer Therapie erheblich eingeschränkt sein. Eine stationäre Rehabilitation ist für die Erstellung und Erprobung eines komplexen Therapiekonzeptes und für die sozialmedizinische Beurteilung empfehlenswert.
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